Donnerstag, Januar 05, 2012

Kann ich nicht, gibt´s nicht…


…oder: wer sagt denn, dass ich keine alten Fotos löschen darf?!

Trennungen und Abschiednehmen sind doof! Machen wir uns da nix vor.
Aber auch hier gibt es wie so oft zwei Seiten der Medaille. Erst in den letzten paar Tagen habe ich wieder vielen netten Menschen „Auf Wiedersehen!“ sagen müssen. Ich habe Abschied genommen, und ich weiß, dass die damit verbundene Trennung zwar von längerer Dauer aber nicht auf immer und ewig ist (so Gott will). Und somit fiel mir dieses Abschied nehmen zwar schwer, aber es ist gut zu verkraften.
Aber dann gibt es da noch diese Abschiede und Trennungen, die nicht freiwillig sind, die wir uns evtl. gar nicht ausgesucht haben, die wir uns nicht eingestehen möchten, die uns verletzen.
In diesem Falle erfolgt zumeist zunächst die Trennung mit einer brutalen Realität. Jeder von uns reagiert darauf ganz individuell. Der eine mit tiefer Trauer, der andere mit gar schier unfassbarer Wut, andere vielleicht sogar mit einer unglaublichen Gleichgültigkeit.
Ich gehöre da zu den Mischtypen.
Meine Tränen trocknen zwischendurch schlagartig und ich werde von einer Wut überfallen, so dass ich Gegenstände aus Fenstern oder gegen Wände werfen und Menschen so lange schütteln möchte, bis sie wieder bei Sinnen sind. Beides kostet aber soviel Kraft bzw. wird von mir als sinnlos angesehen (ich meine hier Punkt zwei…das mit den Menschen schütteln), dass mir dann vieles egal wird.
Ich bin erschrocken und verwirrt und kann mich selber nur noch schwer verstehen.
Wie gut tun einem doch dann Freunde, die man in einem solchen Moment erst wirklich als solche erkennt, weil sie immer eine Ecke auf ihrem Sofa für einen frei haben. Oder der Nachbar von oben bzw. sein Keller, weil dort noch Unmengen Sekt von der letzten Promotion-Tour gelagert werden. Oder die Freundin, die sich deine Geschichte einfach nur anhört, im Anschluss lacht und fragt, warum du denn kein Kamerateam von RTL angerufen hast.
Menschen, die einfach für einen da sind. Die dir zuhören und keine schlauen Ratschläge für dich haben.
Wie zum Beispiel der Ratschlag, alte Fotos bloß nicht wegzuwerfen sondern aufzuheben.
„Das kannst Du nicht machen! Das sind doch Erinnerungen!!!“
Ich habe auf diesen Ratschlag gehört. Ich war ja verwirrt! Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich immer noch oder schon wieder verwirrt. Aber ich denke mir: „Na und?!“.

Natürlich sind Erinnerungen was Schönes. Und natürlich sind auch Fotos was Schönes. Und sicher, es gibt Trennungen unfreiwilliger Art, bei denen man Erinnerungen in Form von Fotos behalten möchte. Oder gar muss. Weil man Angst hat, dass man den Menschen auf diesen Fotos ansonsten irgendwann vergisst. Dass man keine Erinnerungen an gemeinsame Zeiten mehr hat.  Aber ich bin mir sicher, dass jeder weiß, dass ich eine solche Trennung hier nicht meine. Sondern eine Trennung zwischenmenschlicher Art.
Und an dieser Stelle sei mal gefragt: wer sagt denn, dass man bestimmte Erinnerungen überhaupt behalten möchte? Erinnerungen, die nach wie vor schmerzen und bei denen sich ein flaues Gefühl in der Magengegend ausbreitet. Weil man nicht nur an alles Schöne sondern den großen Knall am Ende denken muss.
Sollte man nicht gerade dann bei Erinnerungen und Fotos selektieren? Anders gefragt: wer sagt denn, dass man bestimmte Erinnerungen überhaupt behalten möchte? Sollte man nicht irgendwann bereit sein zum Abschied nehmen? Und gibt es dann nicht Rituale, die zum Abschied nehmen dazu gehören? Wie zum Beispiel Fotos wegwerfen, verbrennen oder löschen?
Ich habe mir diese Fragen mit Ja beantwortet.
Und so habe ich in den letzten Stunden, die ich in einem natürlich verspäteten IC der Deutschen Bahn sitze, der mich zum Frankfurter Flughafen bringen soll, aufgeräumt. Ich habe alten Staub aufgewirbelt. In Erinnerungen geschwelgt. Fotos gelöscht. Nicht immer war es schön. Nicht immer fiel es mir leicht.
Aber ich fühle mich leichter. Erleichtert. Und bin verwirrt. Darüber, dass es mir so geht. Und darüber, dass ich denke: „Was a Schmarrn!“ als ich in den Kölner Hauptbahnhof einfahre und die ganzen Schlösser sehe, die die Verliebten an der Brücke angebracht haben und immer noch anbringen. Für die Ewigkeit?!? Was ist denn schon für die Ewigkeit?
„Ewigkeit ist Langeweile auf Dauer!“
Diese Textzeile fällt mir in diesem Moment ein. Traurig. Aber auch irgendwie wahr.
Nun, ich bin mir sicher, ich werde in den nächsten Monaten auch das ein oder andere Mal Langeweile verspüren. Aber nicht auf Dauer. Ich werde etwas dagegen unternehmen.
Zunächst einmal werde ich ein Feuer machen. Nein, nein, keine Angst. Dieses ganze Schwelgen in Erinnerungen hat mich nicht so sentimental gemacht, dass ich jetzt zum Feuerteufel werde.
Aber beim Portmonee aufräumen habe ich noch zwei Erinnerungsstücke gefunden.
Ich werde sie verbrennen. Und zwar auf einer einsamen Robinson Insel. Mit einem selbst gebastelten Rock aus Palmenwedel und einem Oberteil aus zwei Kokosnusshälften werde ich lachend mit meiner roten Wallemähne um das Feuer herumspringen und die Vergangenheit zum Teufel schicken.
Jawohl, genau das ist mein Ziel für die nächsten Tage!
Das kann ich nicht machen denkt sich jetzt der ein oder andere?!
Und wie ich kann…wartet nur ab!
Ok., vielleicht werde ich mich vorher noch einmal schlau machen, wie Ernst die Hexenverfolgung auf den Malediven noch genommen wird…

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